Bildtelefon VISITEL
Vom TN-Vorführgerät zur digitalen Bildkommunikation · 1970–1987
1970
Ein Vorführgerät mit vielen Anwendungsideen
Zur Hannover-Messe 1970 stellte TN ein Fernsehtelefon als „Diskussionsbeitrag“ vor. Es sollte Gespräche mit Sichtkontakt ermöglichen, aber auch Schriftstücke, Bilder, Rechnerdaten und Handskizzen übertragen. Als Anwendungen nannte TN unter anderem Krankenhäuser, Unterricht und Dolmetscherdienste. Hohe Kosten und die fehlende Zulassung für das öffentliche Fernsprechnetz begrenzten die Einsatzmöglichkeiten zunächst auf private Anlagen.

1971
Bildschirmtelefon und RechnerterminalTN erweiterte das Konzept um den Zugriff auf eine Datenverarbeitungsanlage. Mit einer alphanumerischen Tastatur konnten Nutzer Informationen eingeben und Rechnerergebnisse am Bildschirm sehen. Bildtelefonie und Rechnerzugriff sollten so an einem Arbeitsplatz zusammenkommen.


1970er-Jahre
Es fehlen geeignete Netze
Ein funktionsfähiges Endgerät allein genügte nicht. Anders als Sprache benötigten bewegte Bilder wesentlich mehr Übertragungskapazität. Die technische Herausforderung lag deshalb sowohl im Netz als auch im Endgerät: Die Bilder mussten aufbereitet und ihre Datenmenge für die Übertragung stark verringert werden. Für einen öffentlichen Bildtelefondienst brauchte die Bundespost passende Übertragungswege und Vermittlungstechnik. TN erwartete deshalb zunächst vor allem Anwendungen innerhalb von Unternehmen und Institutionen.
1978 -1984
Bildkompression und neue Übertragungswege
Bei Compression Labs, Inc. (CLI) arbeiteten Andrew G. Tescher, Stanley C. Fralick und weitere Entwickler an digitaler Bildkompression. Eine Patentanmeldung von 1978 beschreibt, wie sich Bilddaten so reduzieren und steuern lassen, dass sie in einen begrenzten Übertragungskanal passen. Dabei werden nur diejenigen Bildbereiche verarbeitet, in denen tatsächlich Bewegung stattfindet. Dadurch sinkt die erforderliche Übertragungsrate weiter. Gleichzeitig wurden Breitbandnetze erprobt, darunter das 1981 präsentierte Glasfaserprojekt BIGFON. 1984 entstand mit H.120 der erste internationale Standard für digitale Videokompression.

1985
TN vereinbart den Vertrieb mit Widcom
Im Mai 1985 schloss TN einen Vertriebsvertrag mit dem kalifornischen Unternehmen Widcom und bestellte zunächst drei VTC-56-Codecs zur Erprobung und behördlichen Zulassung. Widcom war von ehemaligen CLI-Mitarbeitern aufgebaut worden; zwischen beiden Unternehmen bestanden bereits Streitigkeiten über die verwendete Technik.
1986
VISITEL auf der CeBit
TN stellte VISITEL auf der CeBIT 86 vor. Hersteller war Widcom in Campbell, Kalifornien. Zur Anlage gehörten ein Videoturm mit Personenkamera und zwei Bildschirmen, eine Dokumentenkamera, ein Bedientableau, ein Codec und ein Telefon für die Sprache.
Das Kernstück war der Codec, ein Gerät zum Codieren und Decodieren der Bilddaten. Er verringerte die Datenmenge so stark, dass farbige Stand- und Bewegtbilder über einen digitalen Kanal mit 64 kbit/s übertragen werden konnten. Dafür war bereits das Datennetz Datex-L 64 000 nutzbar, worüber z.B. zwei VISITEL-Anlagen eine Bildverbindung herstellen konnten, bevor ISDN flächendeckend verfügbar war.
Im selben Jahr erhielten Stanley C. Fralick und Andrew Tescher den Eduard-Rhein-Technologiepreis für die Videokompression für das Bildtelefon:

1987
Rechte gehen an CLI überNach Widcoms Insolvenzantrag führte eine Einigung im Juli 1987 zur Übertragung der Video- und Datenkompressionstechnologie an CLI. Nach der in späteren Gerichtsunterlagen wiedergegebenen CLI-Mitteilung gehörten dazu auch Widcoms Rechte aus der zuvor an TN vergebenen Fertigungslizenz für den VTC-56. Der unmittelbare Vertragspartner für die Einführung von VISITEL war somit Widcom; CLI übernahm die entsprechenden Rechte später.



... und das alles heute im Handy :-)